Interview: Expertentipps für naturnahe Gärten Ursel und Peter Gutmair begleiten Menschen und Pflanzen seit 25 Jahren – mit immer mehr Freude   Ein naturnaher Garten in Isny, behutsam und vielfältig gestaltet und zugleich in „Unordnung“ gelassen.   Isny – Ursel und Peter Gutmair führen seit rund 25 Jahren ihre Gärtnerei mit „Blumenwerkstatt“ an der Grabenstraße in Isny. Im Einzugsgebiet zwischen Weitnau und Argenbühl sind sie gefragte Ansprechpartner für Gartenfreunde – von denen immer mehr „naturnah“ arbeiten wollen. Zudem engagiert sich das Ehepaar als Ratgeber in der „Arbeitsgruppe Natur und Biodiversität Isny“. Wie ein naturnaher Garten gestaltet werden kann und welche Pflanzen gewählt werden sollten, wie selbst kleine Flächen oder Balkone die Artenvielfalt unterstützen und wo und was es für weiterführende Tipps gibt, verraten die beiden Gärtner im Interview mit Tobias Schumacher.   Was verstehen Sie unter einem „naturnahen“ Garten?   Ursel Gutmair: Das Allerwichtigste ist, dass die Erde in Privatgärten torffrei ist – nicht einmal nur „torfreduziert“. Es gibt sogar „torffreie“ Moorerde, so ulkig das klingt.   Peter Gutmair: Gerade in Isny kriegt man mit, wie schön Moore sind. Das nur als eine erste Anregung. Wichtigster Aspekt ist beim Neuanlegen: Ich muss Spaß haben können im Garten. Viele Leute bauen zu groß, ich sollte mir aber vorher schon die Frage stellen, ob ich mir einen arbeitsintensiven Garten aufhalsen möchte? Ursel Gutmair: Die grundsätzliche Frage lautet: Warum habe ich einen Garten? Brauche ich einen Garten? Und dann geht es um die Wertschätzung dessen, was mir geschenkt wird – die Natur wird uns Menschen überleben. Daraus leiten sich Überlegungen ab: Wie kann ich die Natur erhalten? Was brauche ich dazu? – Da wären erst einmal die Pflanzen, Sträucher und Bäume, die zur örtlichen Fauna und Flora passen müssen, die unser Klima vertragen, die sich ohne viel Aufwand hier bei uns wohlfühlen. Für sie sollte ich mir vorher schon den Standort überlegen: Sonnig, schattig, Bodenverhältnisse feucht oder trocken…? Einen Zen-Garten, auch wenn er im Trend liegen mag, halte ich für unsere Klima- und Bodenverhältnisse im Allgäu für unstimmig; und: weniger Formgehölze, mehr blühende Sträucher.   Womit wir schon bei Details wären… Peter Gutmair: In jeden Garten gehört ein Kompost, eine Brennnessel-Ecke, im Herbst auch ein Laubhaufen – generell etwas Unordnung und nicht nur die schwäbische Gründlichkeit! Ursel Gutmair: Selbst Fugengrün, das manche aus dem Pflaster ihrer Terrasse kratzen oder mit dem Hochdruckreiniger entfernen, trägt schon dazu bei, die Temperatur in meinem eigenen, kleinen Kosmos zu senken! Peter Gutmair: In unseren Gärten sollten Insekten und andere Tiere überwintern können, Larven, Schmetterlinge… Ursel Gutmair: …denen ich das Haus abreiße, wenn ich im Herbst zu gründlich aufräume! Kleine Lebensräume zu schaffen, ist sogar mitten in der Stadt möglich. Es gibt auf Youtube die Blogs von Birgit Schattling, die mich und viele anderen begeistert. Die Balkongärtnerin hat mitten in Berlin Eichhörnchen, Vögel, Insekten, Wildbienen und täglich Obst und Gemüse vor ihrem Fenster. Sie beweist: Gärtnern funktioniert auf jeder Fläche, bei ihr sogar „bio“. Peter Gutmair: Man darf’s einfach nicht zu verkrampft angehen, lieber kleine Schritte und nicht alles auf einmal. Auch wir in unserer Gärtnerei gehen danach, was uns gefällt – immer unter den Vorgaben „torffrei“ und mit organischen Düngern und Mitteln auch beim Pflanzenschutz, keine Herbizide. Als „Laie“ muss ich mich im eigenen Garten einfach langsam herantasten, was naturnah und insektenfreundlich ist. Ursel Gutmair: Dabei ist erstaunlich, wie schnell es geht, dass wir Tiere im Garten sehen – das gibt einem einfach was… Peter Gutmair: …also nicht nur Geranien pur, man kann immer gut mischen, möglichst Pflanzen mit ungefüllten Blüten. Sogar im konventionellen Gartenbau gibt es inzwischen viele Sorten, die schön aussehen und von Insekten geliebt werden als Nährpflanzen, zum Beispiel viele Salbeisorten, oder Bidens, das sind Zweizahn-Sorten, weiter Calendula, Duftsteinrich, die Hönigblümchen; insgesamt eignen sich die meisten Kräuter als Insektennährpflanzen.   Wenn ich mehr Fläche zur Verfügung habe – wie gestalte ich einen naturnahen Garten? Peter Gutmair: Als Neubesitzer brauche ich natürlich einen Rasen für die Kinder, aber auch Stellen, an denen es wild werden darf. Eine Wiese als Blühwiese ist spannend, weil sie sich verändert. Blühsträucher statt Thuja pflanzen, Staudenbeete, gerne auch einen Steinhaufen anlegen. Schottergärten sind inzwischen zwar verboten, aber zugleich ist bekannt, dass Magerstandorte viel artenreicher sind. Auch in der Natur gibt es ja Schotterhalden und -flächen, manche stehen sogar unter Schutz. – Und ich brauche einen „Hausbaum“! Den kann ich auf mich wirken lassen, er bringt Frieden in den Garten. Darunter zu sitzen ist viel schöner als unter der Markise oder dem Sonnenschirm. Hier, gegenüber unserer Gärtnerei, steht eine große, alte Linde – die lebt!   Wie groß ist der Aufwand für einen „naturnahen“ Privatgärtner? Ursel Gutmair: Naturnahe Gärten machen in der Regel weniger Arbeit! Aber ich muss natürlich etwas dafür tun, ich muss mich informieren, lesen, es umsetzen, und ich brauche die Lust am immer neu Ausprobieren. Ich kann auch ein Tagebuch führen. Was wir dafür lernen müssen, ist: mehr hinschauen, nicht immer gleich eingreifen. Wir sollten die Entwicklung der Natur als Chance sehen und wahrnehmen, was passiert und wie sich’s verändert. So kann ich Freude daran entwickeln zu beobachten, was passiert, auch wenn ich mal gar nichts tue. Sogar im Balkonkasten kann ich mit einer entsprechenden Blühmischung Beobachtungen anstellen.   Sehen Sie – wenn man so will – einen entsprechenden „Trend“? Peter Gutmair: Ja, der Anteil des naturnahen Gärtnerns ist gestiegen, und wir spüren die Nachfrage an Bio-Produkten. Im Vergleich zu vor 25 Jahren hat sich etwas gedreht – weg von Oma und Opa, die noch allein im Garten gewerkelt haben. Heute kommen viele junge Familien zu uns, die Lust auf einen Garten haben, auf Gemüse, Früchte, Obst. Wir spüren viel Positives – und uns macht es Spaß und Hoffnung, die Menschen dabei zu begleiten.  
Ursel und Peter Gutmair inmitten ihrer Gewächshäuser an der Grabenstraße. (Fotos: Ortrud Petrick, Tobias Schumacher)
 

Blumen für Frühjahr und Sommer

Die Blumen für Frühjahr und Sommer Als Gärtner müssen Ursel und Peter Gutmair selbstredend kein Pflanzenlexikon bemühen für Empfehlungen, welche Blumen in einen naturnahen Garten gehören – vor allem unter dem Aspekt, Nahrungsquellen für Insekten anzubieten und so die Artenvielfalt zu fördern. Zugleich sind ihre Tipps auch eine Freude fürs menschliche Auge.   Für Beet und Balkon eignen sich im Frühjahr: bekannte Zwiebelblüher wie Blausternchen, Hyazinthen, Krokusse, Narzissen, Schneeglöckchen und Tulpen, weiter Campanula, Euphorbien, Goldlack, Iberis und Vergissmeinnicht.   Im Sommer erfreuen Menschen und Insekten auf dem Balkon und im Beet: Angelonia, Bidens (auch Zweizähne genannt), Calendula, Cosmea, Flockenblume, sogar Geranien (die keinen besonders „insektenfreundlichen“ Ruf genießen), Gundermann, Hauswurz (Sempervivum), Heliotrop (Vanilleblume), Honigblümchen, Kornblume, Lantane (Wandelröschen), Lippenblütler wie Löwenmäulchen, Minze, Oregano und Thymian, Nachtkerze, dazu Salvien (wie die Pflanzengattung des Salbeis heißt, von dem es über 900 Arten gibt), Scaevola (Blaue Fächerblume), Skabiose, Storchenschnabel, Weinraute und Zauberschnee. (sts)   Bericht veröffentlicht in der Schwäbischen Zeitung (Ausgabe Leutkirch/Isny/Bad Wurzach) am 21.03.2022

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert